Job Verwirklichen

Netzwerken ohne Networking

Netzwerken muss kein Pflichtprogramm sein: Mit echtem Interesse, guten Fragen und kleinen Gewohnheiten entstehen wertvolle Kontakte sowie neue Perspektiven.

Autorenhinweis

Geschrieben von: Larissa Schütz

📌 Kurz erklärt: 

Ein gutes Netzwerk erweitert den Kreis der Menschen, die man um Rat, Wissen oder eine Einschätzung bitten kann – und manchmal entstehen daraus sogar neue berufliche Chancen. Dafür muss niemand Visitenkarten sammeln oder ständig auf LinkedIn posten. Wer aufmerksam zuhört, gute Fragen stellt und nach einer Begegnung in Kontakt bleibt, baut ganz nebenbei Beziehungen auf. Online und offline ergänzen sich dabei: Ein persönliches Gespräch kann auf LinkedIn weitergehen, ein digitaler Kontakt beim nächsten Treffen persönlich werden.

Vor einigen Jahren habe ich bei einer Veranstaltung ein Panel moderiert. Nach der Diskussion ging es in die Pause und ich kam am Stehtisch eines meiner Panelteilnehmer zum Stehen. Wir sprachen noch ein bisschen über das Thema, irgendwann über die Veranstaltung und irgendwann über Reiseziele. Bevor jeder von uns ins nächste Panel ging, tauschten wir noch unsere LinkedIn Kontakte und gingen unserer Wege.

Und dann passierte erst einmal: nichts.

Ungefähr ein Jahr später meldete er sich bei mir. Inzwischen war er selbst für einen großen Tourismuskongress verantwortlich und suchte dafür eine Moderatorin. Er erinnerte sich an unser Treffen und an unser Gespräch – und fragte mich, ob ich diese Aufgabe übernehmen würde. Ich erzähle diese Geschichte gerne, wenn es ums Netzwerken geht. Gerade weil ich bei unserer ersten Begegnung gar nicht vorhatten, zu „networken“.

Das Problem ist nicht das Netzwerken

Ich mag Netzwerken sehr. Ich mag nur das Wort „Networking“ nicht besonders.

Denn aus diesem modischen Begriff ist inzwischen fast eine Aufgabe auf der beruflichen To-do-Liste geworden: Kontakte knüpfen, Kontakte pflegen, regelmäßig auf LinkedIn posten und dadurch noch mehr Kontakte bekommen. Auf Veranstaltungen gibt es eigene Networking-Slots, und manchmal auch ganze Networking Events. Und irgendwann entsteht das Gefühl, man müsste eigentlich ständig netzwerken.

Dabei ist die Sache für mich viel einfacher: Ein gutes Netzwerk entsteht ohne Anstrengung, wenn wir uns einfach für die Menschen interessieren, mit denen wir arbeiten und denen wir begegnen. Wenn wir zuhören, nachfragen und uns aneinander erinnern.

Das nimmt auch den Druck aus der Sache. Ich muss nicht überlegen, wie ich besonders interessant wirke, denn interessiert sein ist leichter als interessant sein zu müssen.

Ein Netzwerk vergrößert den eigenen Radius

Warum sich das lohnt? Weil niemand alles weiß und niemand alle kennt.

Ein gutes Netzwerk erweitert den Kreis der Menschen, die ich fragen kann: nach einer Einschätzung, einer Empfehlung oder einer Erfahrung, die mir selbst fehlt. Manchmal entsteht daraus eine Idee, manchmal ein neues Projekt und manchmal tatsächlich ein Auftrag. Ich erlebe das regelmäßig bei meiner journalistischen Arbeit. Wenn ich für einen Beitrag Menschen mit einer bestimmten Erfahrung suche, frage ich zum Beispiel auf LinkedIn in mein Netzwerk hinein. Nicht selten meldet sich jemand, an den ich selbst nie gedacht hätte. Oder jemand kennt jemanden.

Ein Netzwerk muss also nicht ständig etwas „bringen“. Aber es vergrößert den eigenen Radius. Und dafür braucht es auch keine 500 Kontakte.

„Und wie fange ich an?“

Das mit dem Interesse klingt einfach, solange man schon miteinander spricht. Schwieriger ist häufig der Moment davor. Der Vortrag oder das Event ist vorbei, die ersten Grüppchen bilden sich und man selbst steht mit seinem Getränk daneben. Jetzt einfach dazustellen?

Ich habe mir dafür ein paar einfache Einstiege vorbereitet. Manche stehen sogar in meiner Notizen-App.

„Darf ich mich zu euch stellen?“

Ist der simpelste Eisbrecher der Welt

An einer fremden Tischrunde kann man fragen: „Kanntet ihr die Speakerin davor schon?“ Und wenn es ein Buffet gibt: „Habt ihr schon etwas probiert, das ihr empfehlen könnt?“ Mit diesem Satz kriegt man keinen Rhetorik Preis, aber definitiv eine Antwort.

Eine gute Frage kann viel erledigen

Wenn ich auf einer Veranstaltung eine bestimmte Person sprechen möchte, hilft mir auch hier gute Vorbereitung. Oft lässt sich vorher herausfinden, wer dort sein wird. Ich schaue mir die Speakerliste an, lese vielleicht etwas über die Person und überlege mir eine Frage. Nach einer Keynote kann ich einen Gedanken daraus aufgreifen. Und manchmal muss man dafür nicht einmal jemanden direkt ansprechen.

Gibt es nach einem Vortrag oder einer Diskussion eine Fragerunde, kann eine gute Frage erstaunlich viel für einen tun.

In diesem Moment hört schließlich der ganze Raum zu. Nicht, weil man sich selbst präsentiert, sondern weil man einen interessanten Gedanken aufgreift. Überhaupt habe ich irgendwann gelernt: Nachfragen lässt einen nicht dumm wirken, sondern interessiert. Und mal ehrlich: Die meisten Menschen werden gerne nach ihrer Meinung oder ihrem Rat gefragt. Und vielleicht kommt beim anschließenden Get-together jemand von selbst auf einen zu: „Das war ein guter Punkt vorhin.“ Schon ist das erste Gespräch angefangen.

Deshalb: Keine Frage stellen, um aufzufallen. Eine gute Frage stellen und keine Angst davor haben, dadurch aufzufallen.

Auch bei vermeintlich „wichtigen“ Menschen hilft mir ein einfacher Gedanke: Wir kochen alle nur mit Wasser. Führungskräfte, Expertinnen und bekannte Speaker gehen irgendwann ebenfalls ans Buffet.

Der Trick in meiner Kontakte-App

Ein gutes Gespräch ist allerdings schnell wieder vergessen. Nicht unbedingt die Person,  aber die Details. Deshalb nutze ich in der Kontakte-App meines Handys das Feld „Notizen“. Dort schreibe ich zum Beispiel das Datum unseres Gesprächs hinein, worüber wir gesprochen haben oder welchen Tipp mir jemand gegeben hat.

Monate später muss ich nicht überlegen: Woher kenne ich die Person noch mal? Vielleicht kann ich stattdessen fragen, was aus dem Projekt geworden ist, von dem sie erzählt hat.

Für mich ist das der Unterschied zwischen Kontakte sammeln und in Kontakt bleiben.

Online einfach weiterreden

Online oder analog? Für mich ist das kein Entweder-oder.

Nach einem guten Gespräch vernetze ich mich häufig direkt auf LinkedIn und schreibe ein oder zwei persönliche Sätze dazu. Genau so war es auch mit dem Experten aus meinem Panel.

💡 Tipp: Social Media macht es anschließend leicht, wieder anzuknüpfen.

Jemand postet etwas Interessantes? Ich kann kommentieren oder eine Frage stellen. Mal ehrlich: Wer freut sich nicht, wenn jemand auf den eigenen Beitrag reagiert, eine echte Frage dazu stellt oder sich für etwas interessiert, das man geteilt hat? Vielleicht sehe ich aber auch einen Beitrag und denke an ein Gespräch zurück. So kann online weitergehen, was offline begonnen hat – und umgekehrt.

Eine Visitenkarte ist noch kein Netzwerk

Visitenkarten zu tauschen gehört für mich zu den Networking-Regeln, auf die ich gut verzichten kann. Eine Karte kann praktisch sein. Aber allein dadurch ist noch keine Beziehung entstanden.

Wenn ich überlege, an welche beruflichen Begegnungen ich mich lange erinnere, sind es selten die Menschen, die mir besonders eindrucksvoll erzählt haben, was sie alles können.

Es sind die, die einen Gedanken hinterlassen haben. Eine Frage. Einen Tipp. Eine neue Perspektive.

Vielleicht ist das am Ende Netzwerken ohne „Networking“: nicht möglichst viele wertvolle Kontakte sammeln zu wollen. Sondern aufmerksam genug zu sein, wenn einem interessante Menschen begegnen und den Kontakt danach nicht einfach wieder aus den Augen zu verlieren.

Ich wünsche euch viele gute Gespräche – und ab und zu eines, bei dem ihr erst viel später merkt, dass es gutes „Networking“ war.

Häufige Fragen

Gutes Netzwerken bedeutet, echte Beziehungen aufzubauen. Dabei geht es weniger darum, möglichst viele Kontakte zu sammeln, sondern Interesse zu zeigen, zuzuhören, Fragen zu stellen und in Kontakt zu bleiben.

Ein gutes Netzwerk erweitert den eigenen Radius. Es bietet Zugang zu Wissen, Erfahrungen, Empfehlungen und unterschiedlichen Perspektiven – und manchmal entstehen daraus auch neue Projekte oder berufliche Chancen.

Oft reicht ein einfacher Gesprächseinstieg. Fragen wie „Darf ich mich zu euch stellen?“ oder ein Gespräch über die Veranstaltung, einen Vortrag oder das Buffet können den ersten Kontakt erleichtern.

Nein. Erfolgreiches Netzwerken hängt nicht davon ab, besonders unterhaltsam oder selbstbewusst aufzutreten. Echtes Interesse und gute Fragen können wichtiger sein als Selbstdarstellung.

Gut funktionieren offene Fragen, die sich auf die Situation oder das Gegenüber beziehen. Zum Beispiel kann man nach einer Einschätzung, einer Erfahrung oder einem Gedanken zu einem Vortrag fragen.

Eine gute Vorbereitung hilft. Wer sich vorher über Speaker oder Teilnehmende informiert, kann leichter einen konkreten Gesprächseinstieg oder eine passende Frage finden.

Nach einem guten Gespräch kann man sich beispielsweise auf LinkedIn vernetzen und eine kurze persönliche Nachricht hinzufügen. Später bieten Beiträge, Kommentare oder gemeinsame Themen gute Möglichkeiten, wieder anzuknüpfen.

Hilfreich sind kurze Notizen in der Kontakte-App, etwa zum Ort und Datum des Treffens, zu Gesprächsthemen oder zu einem Tipp, den die Person gegeben hat. So lässt sich später leichter an das Gespräch anknüpfen.

LinkedIn kann hilfreich sein, ist aber nur ein Werkzeug. Persönliche und digitale Kontakte ergänzen sich: Ein Gespräch auf einer Veranstaltung kann online weitergeführt werden – und ein Online-Kontakt später persönlich vertieft werden.

Ein gutes Netzwerk braucht keine bestimmte Anzahl an Kontakten. Entscheidend ist nicht die Größe, sondern die Qualität der Beziehungen und die Möglichkeit, sich gegenseitig mit Wissen, Erfahrungen und Perspektiven weiterzuhelfen.